Gedichtvergleich: Ich bin die Frau – Fragile

Die beiden vorliegenden Gedichte, “Ich bin die Frau” (1983) von Ulla Hahn und “Fragile” (1979) von Karin Kiwus, sind der “Neuen Subjektivität” zuzuordnende sog. “Alltagsgedichte”. Als solche beschäftigen sich beide mit Problemen von Alltagskommunikation und zwischenmenschlichen Beziehungen, jedoch auf unterschiedliche Weise und mit verschiedenen Aussagen.

Beide Gedichte weisen weder ein einheitliches Metrum noch Reime auf, gleichermaßen fehlt eine erkennbares Schema bei den Kadenzen. Außerdem bestehen beide Gedichte aus 15 Versen: “Ich bin die Frau” besteht aus fünf Strophen zu je drei Versen, “Fragile” hingegen aus einer Strophe zu sechs und einer Strophe zu neun Versen. Außerdem sind beide Gedichte sehr simpel und nüchtern geschrieben, stilistische Mittel werden nur in geringem Maße verwendet. Beide Autorinnen verzichten auf Interpunktion, allerdings stellt jede Strophe einen Satz dar. Daraus folgt, dass jede Strophe Enjambements beinhaltet, d.h. der jeweilige Satz wird von Vers zu Vers fortgesetzt und endet erst am Ende der jeweiligen Strophe.
Aus Form und Inhalt der Gedichte lässt sich eine Struktur bestimmen. So besteht “Ich bin die Frau” aus drei (Verse 1-6, 7-12 und 13-5), “Fragile” jedoch nur aus zwei Teilen (Verse 1-6 und 7-15).

Der Titel das ersten Gedichts ist identisch mit jedem ersten Vers der fünf Strophen, die beiden anderen Verse sind immer ein darauf folgender Relativsatz. In den ersten beiden Strophen wird mit “könnte” ein Konjunktiv verwendet. Das lyrische Ich ist weiblich und sagt hier aus, was man mit ihr tun “könnte”, aber eben nicht muss. Hier sieht das lyrische Ich sich als jemand, den man “anrufen könnte”, “wenn das Fernsehen langweilt” bzw. “einladen könnte”, “wenn jemand abgesagt hat”. Das lyrische Ich definiert sich hier als eine Frau, die von anderen nur als Mittel gegen Langeweile oder auch als Ersatz für jemand anderen benutzt werden kann.
In der dritten und vierten Strophe hingegen werden Dinge aufgezählt, die andere mit dem lyrischen Ich “lieber nicht” tun würden: “zur Hochzeit [einladen]” oder “nach einem Foto vom Kind [fragen]“. Ehe und Kinder stehen als Symbole für das traditionelle Bild einer idealen Familie und dem vermeintlichen Wunsch einer Frau.
In der fünften Strophe wird der bisherige Inhalt schließlich zusammengefasst, das lyrische Ich formuliert sozusagen ein “Fazit” seines Lebens. Sie ist zwar eine Frau, jedoch “keine Frau [...] fürs Leben”, also keine Frau, die ein Mann heiraten oder gar Kinder mit ihr haben, d.h. sein Leben mit ihr verbringen, möchte.
In der ersten und zweiten bzw. dritten und vierten Strophe finden sich wie beschrieben Parallelismen, zur Einhaltung der Struktur werden außerdem Inversionen verwendet. Auch definiert sich das lyrische Ich nur indirekt, nämlich durch Negation. Erst in der letzten Strophe findet sich eine konkrete Aussage, gewissermaßen eine Selbsterkenntnis.
Keine der Formulierungen lässt sich als konkreten Ausdruck von Kritik oder Frustration erkennen, so dass die Einstellung des lyrischen Ichs zu seiner beschriebenen Rolle im Leben anderer Menschen ungeklärt bleibt. Das Rollenverständnis des lyrischen Ichs unterscheidet sich somit vom traditionellen Bild einer Frau, die Ehe und Kinder als höchstes Ziel im Leben sieht.

Die erste Strophe des zweiten Gedichts handelt vom lyrischen Ich, die zweite hingegen vom lyrischen Du. Zwischen den beiden Strophen besteht eine Antithetik, was sich an vielen Formulierungen erkennen lässt. Im Unterschied zum ersten Gedicht, in dem das lyrische Ich niemanden anspricht und mehr oder weniger für sich selbst über sein Selbstverständnis spricht, geht es hier eindeutig um eine Beziehung zwischen zwei bestimmten Personen. Das lyrische Ich übergibt (Vers 3) “jetzt” (Vers 1), also in der Gegenwart, ein “Geschenk” (Vers 4) zu einem “Fest” (Vers 5). Diese Handlung erfolgt sehr behutsam und zaghaft, was sich zum einen an “vorsichtig” (Vers 4), zum anderen aber auch am einleitenden “[w]enn” (Vers 1) erkennen lässt. Das eigentliche Geschenk ist die Aussage “ich liebe dich” (Vers 2), d.h. der Anfang einer Beziehung, die das “Fest” ist. Im fünften Vers erfolgt der Übergang vom “ich” zum “wir”: “wir beide”, was ebenfalls für eine Beziehung steht.
In der zweiten Strophe taucht wieder einleitend das “wenn” auf, diesmal aber gefolgt von “du” und “gleich”, d.h. die Handlung verschiebt sich zum lyrischen Du in die (ungewisse) Zukunft (Vers 7). Der achte Vers besteht lediglich aus den zwei Wörtern “wieder allein”, was auch schon das plötzliche Ende der Beziehung ankündigt, bevor sie überhaupt erst begonnen hat. Das “Geschenk” wird zum “Päckchen” (Vers 11), aus “vorsichtig [übergeben]” wird “ungeduldig[es] an [sich] reißen” (Vers 12). Kurz darauf wird deutlich, dass dieses überstürzte Handeln die Beziehung zerstört hat. Die Verwendung des Diminutivs in Vers 11 sowie der Titel haben die Zerbrechlichkeit des “Geschenks” angekündigt, und diese Befürchtung hat sich bestätigt. Mit “scheppernden Scherben” verwendet die Autorin hier bewusst eine lautmalerische Alliteration, die nicht zuletzt durch das sonstige Fehlen von Stilmitteln besonders hervortritt. Das lyrische Du nimmt dies aber bereits gar nicht mehr wahr und begreift somit auch nicht, was es falsch gemacht hat. Hier wird die Problematik von Kommuniktion in einer Beziehung besonders deutlich.
Das Geschlecht der beiden Personen lässt sich nicht zweifelsfrei bestimmen, woraus folgt, dass sowohl Mann als auch Frau diesen Fehler machen könnten.

Wie ich zu Anfang bereits erwähnte, behandeln beide Gedichte die Probleme von Kommunikation und Beziehungen in der modernen Gesellschaft. Bei Ulla Hahn geht es um ein weibliches lyrisches Ich, das keine ernsthaften Beziehungen eingeht. Bei Karin Kiwus geht es um eine Beziehung zwischen zwei Menschen, die schon gescheitert ist, bevor sie angefangen hat.